Homepage eines zornigen Bürgers


Protest-Email an Dr. Rainer Maria Kardinal Woelki vom 2. Dezember 2015


Erzbischof
Dr. Rainer Maria Kardinal Woelki
Erzbischof von Köln
Per E-Mail über: generalvikar@erzbistum-koeln.de

2. Dezember 2015
„Der Islamische Staat ist eine Mörderbande“

Sehr geehrter Herr Kardinal Woelki, 

beim Studium meiner heutigen Tageszeitung fiel mir nebenstehende, zwar diskret verpackte, aber hoch brisante Mitteilung auf. 

Ich fand entsprechende Hinweise zu Ihren Äußerungen bei RP ONLINE und KATH.NET und würde sicher weitere Medien finden, die diese, Ihre Botschaft transportiert haben, wenn ich denn weitersuchen würde. 

Das nehme ich zum Anlass, Ihnen diese Entgegnung zu schreiben. Sie sind ein exponierter Kirchenvertreter, der seine Einstellung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat – deswegen kann ich sie nicht unkommentiert einfach nur zur Kenntnis nehmen. 

Nicht, dass ich nicht auch der Meinung wäre, der IS sei eine Mörderbande. Aber er ist es nicht, weil Sie ihn, weil ihn der Westen oder ich ihn so definieren. 

Nein, er ist eine Mörderbande, weil er skrupellos Menschen umbringt: Um seine politischen Ziele umzusetzen, tut er penibel ausgesuchten Menschen Gewalt an und bringt sie, z. T. inszeniert bestialisch um. 

Wie wurde mir von Ihrer Fakultät als kleiner heranwachsender katholischer Junge ziemlich kompromisslos beigebracht? – Das Töten von Menschen ist Todsünde! 

Wenn Sie nun Gewalt gegen den IS predigen, impliziert das in diesem Fall automatisch auch die Tötung seiner Anhänger. Sie befinden sich dabei in bester Gesellschaft mit den aktuellen Politikern u. a. des Westens mit seiner viel beschworenen Wertegemeinschaft.

Diese Politiker haben sich angewöhnt, zwischen der eigenen, und damit guten und der fremden, und damit verbrecherischen Gewalt feinsinnig zu unterscheiden. 

Anstand und Moral sind offensichtlich für sie keine politischen Kategorien, gesunder Menschenverstand ist es schon gar nicht. 

George W. Bush in seiner verhängnisvollen Boshaftigkeit war genial darin, die Weltbevölkerung mit dem Begriff „Achse des Bösen“ zu agitieren und Nationen als „Schurkenstaaten“ zu diffamieren und diskreditieren. Die Medien als politische Hofberichterstatter erwiesen sich dabei als ausgesprochen hilfreich. Die historischen Parallelen sind beklemmend, zumal diese Politik durch große Teile der Bürgerschaft mitgetragen wurde. 

Dabei sind die meisten von ihnen im Geiste der Zehn Gebote sozialisiert worden, die das Töten von Menschen ausdrücklich verbieten. Doch offensichtlich kann man von ihnen nicht erwarten, dass sie ständig mit der Bibel unter dem Arm umherlaufen. Nicht einmal die Vertreter der kath. Kirche tun das: Noch während des achtjährigen völkerrechtswidrigen Irakkrieges mit Tony Blair als Oberbefehlshaber der britischen Kriegsmaschinerie wurde der frühere britische Premierminister im Dezember 2007 im Rahmen einer Privatmesse mit dem Erzbischof von Westminster, Kardinal Cormac Murphy-O'Connor, in die katholische Kirche aufgenommen. – Ihm muss zuvor ja wohl die Absolution für die bewusste und gezielte Tötung von Menschen erteilt worden sein!

Die kath. Kirche empfing die damals größten Kriegstreiber zu Glamour-Empfängen im Vatikan und Spaziergängen in den päpstlichen Gärten (wie George W. Bush und Tony Blair in Privataudienz). So geschehen in den Jahren 2003 bis 2008, also parallel zum Irakkrieg. 

Lieber Kardinal Woelki, der IS ist keine biblische Plage, die einfach so vom Himmel fiel. Es gibt Gesamtzusammenhänge, zu denen auch das politische Handeln des Westens gehört und die zusammen verantwortlich sind für das Entstehen dieser Katastrophe. 

Ähnlich wie George W. Bush bemüht François Hollande eine raffinierte Begründung und möchte am liebsten den Bündnisfall für alle Nationen ausrufen: Der "gemeinsame Feind IS" soll auf seinem Territorium angegriffen werden! – Mit zerstörerischen Waffen natürlich! Nur – der IS hat kein eigenes Territorium! Aber er kontrolliert in der Zwischenzeit ein Gebiet von der Größe Großbritanniens. Er hat aus den Arsenalen der irakischen Armee Panzer, Geschütze und Raketenwerfer geplündert, verfügt über mindestens 30.000 Kämpfer, die ihre militärische Ausbildung von Ex-Offizieren Saddam Husseins erhielten. Diese dominieren heute die oberste Führungsebene des IS unter ihrem irakischen Anführer Abu Bakr al-Bagdadi. Der „gemeinsame Feind IS" ist quasi Parasit in den souveränen Ländern Syrien, Irak und Libyen. 

Doch wen stört das schon: Der Westen hat schließlich edle Ziele. Völkerrecht ist eine Schön-Wetter-Veranstaltung – jetzt aber herrschen Aggression und Kälte. 

Der „gemeinsame Feind IS" ist das Ergebnis eines 14-jährigen, vornehmlich von den USA vorangetriebenen „Krieges gegen den Terror“. 

Ich darf daran erinnern:

Er begann nach Nine-Eleven zunächst mit der US-amerikanischen Intervention im Afghanistankrieg 2001. Magere Begründung für den konstruierten „NATO-Bündnisfall“: der saudi-arabische Osama bin Laden, Gründer und Anführer der Gruppe al-Qaida, in Wahrheit staatenloser Terrorist, verstecke sich dort.

Auch Deutschland hat tote Afghanen zu verantworten. Die mit Abstand größte Zahl von Opfern durch einen Einsatz der ISAF war Folge einer Bombardierung durch US-Flugzeuge am 4. September 2009, die von Deutschen angefordert worden war. Der heutige Brigadegeneral und damalige Oberst der Bundeswehr Georg Klein war Befehlshaber dieses Luftangriffs bei Kunduz. Nach NATO-Einschätzung wurden dabei bis zu 142 Menschen, darunter auch Kinder, getötet oder verletzt. 

2003 folgte der Irakkrieg, der bis Ende 2011 mindestens 110.000 getötete Zivilisten forderte.

Die US-Amerikaner organisierten nach einem inszenierten Lügenauftritt mit Colin Luther Powell im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen am 5. Februar 2003 unter Beteiligung von nahezu 50 westlichen Staaten völlig gegen Völkerrecht eine „coalition of the willing“ und fielen in den Irak ein. Der UN-Sicherheitsrat hatte seine Einwilligung für einen solchen Überfall gerade zuvor abgelehnt. Zahlreiche Staaten dieser Koalition wollen heute an ihre Schandtat nicht mehr erinnert werden. 

15 der 19 Täter von Nine-Eleven hatten die saudische Staatsbürgerschaft, und das Attentat wurde in Saudi-Arabien entworfen. Zwar nicht von der saudischen Regierung, doch geduldet von einflussreichen Kreisen dort. 

Kein einziger Afghane ist jemals als Täter oder Mittäter von Nine-Eleven ermittelt worden. Noch weniger hatten der Irak und Saddam Hussein damit zu tun. 

Worin unterscheiden sich eigentlich die Gewalt- und Tötungshandlungen des IS von denen des Westens? Doch allenfalls in ihren Dimensionen – jedenfalls nicht in ihrer Brutalität. Menschen verbrannten und verbrennen auch nach Bombenattacken des Westens bei lebendigem Leibe, und auch von westlicher Bestialität gibt es gelegentlich Videoclips – und dass seit 14 Jahren kontinuierlich. 

"Der IS hat eine Mutter: die Invasion des Irak", schrieb der algerische Autor Kamel Daoud in einem bemerkenswerten Beitrag für die "New York Times". "Aber er hat auch einen Vater: Saudi-Arabien samt seines religiös-industriellen Komplexes. Solange dies nicht verstanden wird, mögen Schlachten gewonnen werden, aber der Krieg wird verloren gehen." 

14 Jahre lang hat der Westen mit seinem „Global War On Terrorism“ (George. W. Bush) die Heimat, die Lebensgrundlage von Millionen Menschen zerstört und Menschen auf bestialischste Art und Weise getötet. Der gesamte Mittlere und Nahe Osten sind in Brand gesteckt worden. Dabei ließen die USA die Entstehung des IS bewusst als einen destabilisierenden Faktor zu. Das Letzte, das sie in dieser Region wollten und wollen, ist Stabilität. Der Türkei war der IS willkommen, da er ihr in ihrem Kampf gegen die Kurden behilflich war, und Saudi-Arabien ist der Hauptsponsor der regionalen Terrorgruppen – um nur einige der vielen Entstehungskomponenten anzureißen. 

Der Global War On Terrorism hat keinen einzigen Konflikt gelöst aber um unsägliches Leid der Menschen erweitert. Er wurde und wird möglich, weil sich intellektuelle Brandstifter und größenwahnsinnige Schurken für privilegierte Götter halten, uns den Krieg vor dem Hintergrund ihrer pathologischen Deutungsmentalität als Ultima Ratio zu verkaufen und denen es gelingt, selbst noch das Volk in diesem Sinne ebenso skrupellos wie pathologisch zu agitieren. "... Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?“ Natürlich erwartete Goebbels von den Gästen am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast ein lautes „Ja“ - und er erhielt es auch!

Krieg und Terror sind in höchstem Maße unmoralisch. Ausnahmslos alle Menschen weltweit sind aufgerufen, sie zu ächten, mit Tabu zu belegen, zu dämonisieren und nicht hoffähig zu machen. Jeder, der für Krieg und Terror wirbt, müsste lebenslang weggesperrt werden. Er hat mit seiner Propagandierung der Tötung Anderer seine eigenen sozialen Rechte verwirkt. 

"Mittlerweile zeichnet sich ab, dass der IS aus seinem Kerngebiet in Nahost heraus Aktivitäten in weiteren auswärtigen Gebieten plant oder versucht, sich in die Arbeit von dschihadistischen Gruppen vor Ort einzubringen", erklärt uns BND-Präsident Schindler im Interview mit SPIEGEL TV

Und der Westen reibt sich die Augen, wundert und empört sich über Terroranschläge auf eigenem Territorium. Seine einzige und immerwährende Strategie heißt Eskalation der Gewaltspirale. Er verfügt ja über die gute verbrecherische Gewalt. 

Was die Politiker in ihrer blinden Arroganz nicht wahrhaben wollen: Die Eigendynamik der Gewaltspirale hat ihnen längst alle Gestaltungsspielräume geraubt. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Politik, in der sie Krieg zur legitimen Ultima Ratio von Staaten hochstilisiert haben. – 

Dr. Rainer Maria Kardinal Woelki

Sehr geehrter Herr Kardinal Woelki,

die symptomatische Betrachtungsweise der politisch motivierten Gewaltexzesse – auch der staatlichen – reicht nicht aus, wenn man sie wirksam bekämpfen will. Einem plausiblen Therapievorschlag hat eine umfassende Diagnose mit gewissenhafter Anamnese vorauszugehen, die systemisches Denken zwingend voraussetzt. –

Plattitüden helfen uns nicht weiter.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Beineke

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Die Antwort

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