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Email an Kardinal Reinhard Marx vom 20. Dezember 2015


Kardinal Reinhard Marx
c/o Generalvikariat - Sekretariat
Rochusstraße 5
80333 München
Per Email: generalvikar@eomuc.de


20. Dezember 2015
"Es muss eine klare Exit-Strategie geben"

Sehr geehrter Herr Kardinal Marx,

in Ihrem heutigen Deutschlandfunk-Gespräch mit Andreas Main beklagen Sie eine fehlende Friedensperspektive für Syrien. Im Hinblick auf den Bundeswehr-Einsatz in dem Bürgerkriegsland haben Sie "große Bedenken". - Das ehrt Sie in meinen Augen sehr!

Dennoch möchte ich zu zwei wichtigen Passagen des Interviews Anmerkungen machen, denn die Flüchtlinge sind Spiegelbild westlicher Politik. – Sie verändern auch Deutschland und Europa.

Sie erklären in diesem Interview einer breiten Öffentlichkeit: "… Damals der Irak-Krieg, das war für uns klarer. Da hat Papst Johannes Paul II. und wir auch als Bischöfe haben gesagt: Das ist nach unseren Kriterien, die wir sehen, kein gerechtfertigter Krieg. Einen Diktator abzusetzen, dafür darf man nicht einen solchen Krieg führen, das war sehr deutlich. Papst Johannes Paul II. ist ja dafür auch heftig kritisiert worden.
...

Zu einem legitimierten, militärischen Einsatz gehört erstens: Alle gewaltlosen Mittel müssen wirklich bis zum Letzten ausprobiert worden sein. Zweitens: Es muss klar sein, dass durch den militärischen Einsatz nicht größeres Unglück passiert als vorher. Drittens: Es muss klar sein, dass ein langfristiger Friedensplan vorliegt, um nach dem militärischen Einsatz dann auch wieder aufzubauen. Militärische Einsätze lösen ja gar nichts."

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn diese drei Punkte erfüllt sind, sind kriegerische Handlungen gerechtfertigt. Nach Ihrer Ansicht ist demnach militärischer Einsatz unter bestimmten Voraussetzungen legitim und gibt es auch einen gerechtfertigten Krieg. Aber im gleichen Atemzug merken sie an, "Militärische Einsätze lösen ja gar nichts".
Warum dann nicht gleich der kategorische Imperativ: Krieg und Terror sind in höchstem Maße unmoralisch. Ausnahmslos alle Menschen weltweit sind aufgerufen, sie zu ächten, mit Tabu zu belegen, zu dämonisieren und nicht hoffähig zu machen. Jeder, der für Krieg und Terror wirbt, müsste lebenslang weggesperrt werden. Er hat mit seiner Propagandierung der Tötung Anderer seine eigenen sozialen Rechte verwirkt.

Ich jedenfalls werbe hierfür, wann immer ich dazu eine Gelegenheit habe!

Wir haben in der Zwischenzeit doch durch persönliche Erfahrung gelernt, sind dafür nicht auf Geschichtsbücher angewiesen: Der 14-jährige „Global War On Terrorism“ (George. W. Bush) hat keinen einzigen Konflikt gelöst aber um unsägliches Leid der Menschen erweitert.

Er wurde und wird möglich, weil sich intellektuelle Brandstifter und größenwahnsinnige Schurken für privilegierte Götter halten, uns den Krieg vor dem Hintergrund ihrer pathologischen Deutungsmentalität als Ultima Ratio zu verkaufen und denen es gelingt, selbst noch das Volk in diesem Sinne ebenso skrupellos wie pathologisch zu agitieren.  "... Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?“ Natürlich erwartete Goebbels von den Gästen am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast ein lautes „Ja“ – und er erhielt es auch!

Kriege haben niemals bewirkt, was ihre Kriegstreiber versprachen, damit bewirken zu wollen. Über eine Exit-Strategie zu fantasieren, ist daher unglaublich blauäugig. – Das Ziel eines jeden Krieges ist immer die Destabilisierung des definierten Feindes bzw. ganzer Regionen, die möglichst lange anhalten soll und die Tötung impliziert. Ich darf in diesem Zusammenhang an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 mit ihren Langzeitfolgen erinnern und an die Strategie der verbrannten Erde im Vietnam-Krieg.

So etwas muss als inakzeptable Perversion bezeichnet und verurteilt werden – und zwar ausnahmslos immer. Es gibt niemals Gründe, die so etwas rechtfertigen. Unerträglich – westliche Militärstrategen propagieren öffentlich, dass die Optionen für einen „nuklearen Erstschlag“ ein „unverzichtbares Instrument“ sei.

Ich erlaube mir, auch daran zu erinnern, dass mein eigenes Heimatland die Welt mit dem Zweiten Weltkrieg überzogen hat, ihr 50 - 60 Millionen Todesopfer bescherte und mit deutscher Gründlichkeit einen Holocaust für die gezielte Vernichtung von Juden organisierte.

Wie wurde mir von Ihrer Fakultät als kleiner heranwachsender katholischer Junge ziemlich kompromisslos beigebracht? – Das Töten von Menschen ist Todsünde!

Wenn Sie nun den militärischen Einsatz der Bundeswehr erwägen, impliziert das in diesem Fall automatisch auch die Tötung von Menschen. Sie befinden sich dabei dann in bester Gesellschaft mit den aktuellen Politikern u. a. des Westens mit seiner viel beschworenen Wertegemeinschaft.
Diese Politiker haben sich angewöhnt, zwischen der eigenen, und damit guten und der fremden, und damit verbrecherischen Gewalt feinsinnig zu unterscheiden.
 
Anstand und Moral sind offensichtlich für sie keine hilfreichen politischen Kategorien, gesunder Menschenverstand ist es schon gar nicht.
 
George W. Bush in seiner verhängnisvollen Boshaftigkeit war genial darin, die Weltbevölkerung mit dem Begriff „Achse des Bösen“ zu agitieren und Nationen als „Schurkenstaaten“ zu diffamieren und diskreditieren. Die Medien als politische Hofberichterstatter erwiesen sich dabei als ausgesprochen hilfreich.

Die historischen Parallelen sind beklemmend, zumal diese Politik durch große Teile der Bevölkerung mitgetragen wurde.  

Dabei sind die meisten von ihnen im Geiste der Zehn Gebote sozialisiert worden, die das Töten von Menschen ausdrücklich verbieten. Doch offensichtlich kann man von ihnen nicht erwarten, dass sie ständig mit der Bibel unter dem Arm umherlaufen. Nicht einmal die Vertreter der kath. Kirche tun das. Zwei, in meinen Augen ganz fatale Beispiele:

1. Noch während des achtjährigen völkerrechtswidrigen Irakkrieges mit Tony Blair als Oberbefehlshaber der britischen Kriegsmaschinerie wurde der frühere britische Premierminister im Dezember 2007 im Rahmen einer Privatmesse mit dem Erzbischof von Westminster, Kardinal Cormac Murphy-O'Connor, in die katholische Kirche aufgenommen. – Ihm muss zuvor ja wohl die Absolution für die bewusste und gezielte Tötung von Menschen erteilt worden sein!  
2. Die kath. Kirche empfing zudem die damals größten Kriegstreiber zu Glamour-Empfängen im Vatikan und Spaziergängen in den päpstlichen Gärten (wie George W. Bush und Tony Blair in Privataudienz). So geschehen in den Jahren 2003 bis 2008, also parallel zum Irakkrieg.

Worin unterscheiden sich eigentlich die Gewalt- und Tötungshandlungen des IS von denen des Westens? Doch allenfalls in ihren Dimensionen – jedenfalls nicht in ihrer Brutalität. Menschen verbrannten und verbrennen auch nach Bombenattacken des Westens bei lebendigem Leibe.

Und der Westen reibt sich die Augen, wundert und empört sich über Terroranschläge auf eigenem Territorium. Seine einzige und immerwährende Strategie heißt Eskalation der Gewaltspirale. Er verfügt ja über die gute verbrecherische Gewalt.
 
Was die Politiker in ihrer blinden Arroganz nicht wahrhaben wollen: Die Eigendynamik der Gewaltspirale hat ihnen längst alle Gestaltungsspielräume geraubt. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Politik, in der sie Krieg zur legitimen Ultima Ratio von Staaten hochstilisiert haben.

Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Beineke

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Die Antwort

From: Hinterberger Ursula Maria
Sent: Wednesday, December 30, 2015 12:22 PM
To: j.beineke@t-online.de
Subject: WG: Kardinal Reinhard Marx im Gespräch mit andreas Main: "Es muss eine klare Exit-Strategie geben"
 
Sehr geehrter Herr Beineke,
 
im Namen von Kardinal Reinhard Marx darf ich auf Ihre Zuschrift antworten.
 
Seien Sie versichert, dass der Kardinal unermüdlich für den Frieden eintritt, so zum Beispiel in seiner Predigt am 20. Dezember: Aktuell, da Deutschland mit dem Syrien-Einsatz in einen Krieg hineingehe, der mit Gewalt und Töten verbunden sei, sei er „erstaunt, wie ruhig und teilnahmslos die Bevölkerung ist“, hat der Kardinal gesagt und gemahnt: „Solange Menschen ungerecht behandelt werden und in Krieg und Not leben, dürfen wir als Christen nicht zufrieden sein.“ Sich zu verteidigen sei gerechtfertigt, „aber Gewalt und Menschen zu töten, bleibt ein Übel“. Er bete darum, „dass die Verantwortlichen Wege finden, dass die Kette der Gewalt unterbrochen wird“.  Die ganze Mitteilung zum Thema können Sie hier nachlesen: https://www.erzbistum-muenchen.de/Page006352_28831.aspx
 
Auch nach den Anschlägen in Paris hat der Erzbischof von München und Freising immer wieder vor einer Gewaltspirale gemahnt. „Gewalt wird nicht durch Gewalt überwunden“, hat er zum Beispiel beim Jugendkorbiniansfest gemahnt: https://www.erzbistum-muenchen.de/public/pages/news.aspx?newsID=28651
 
Seien Sie versichert, dass sich der Kardinal auch als Vorsitzender der deutschen und europäischen Bischofskonferenz immer wieder kritisch äußern und Missstände anprangern wird.
 
Mit freundlichen Grüßen,
 
Ursula Hinterberger
Redakteurin
Pressestelle
 
Erzdiözese München und Freising
Erzbischöfliches Ordinariat München
Pacellistraße 8
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